Markus Hof

Größtenteils Scheiße…

Heute bin ich über einen – wie ich finde – sehr interessanten Artikel auf t3n.de gestolpert. Hauptsächlich, weil die Überschrift sehr plakativ war:

http://t3n.de/news/groesstenteils-scheisse-investor-haelt-nichts-von-startups-692255/

Ich bin so frei, die Überschrift hier als eben solche zu zitieren.

Noch interessanter finde ich die aufgeworfene Frage. Denn eigentlich fragt der Investor, Herr Palihapitiyah, danach: Warum investieren viele in Unternehmen, die weder eine echte Vision haben noch Geld verdienen?
Und das ist ja auch eine Frage, die ich mir oft stelle, wenn ich lese, was da manchmal abgeht – und das muss nichtmal im Silicon Valley sein. Mich wundern manchmal auch die Summen, um die es in „Good Old Germany“ geht.

Letztlich spiegelt sich der Wert eines Unternehmens einfach in der Bewertung, in der aktuellen Bewertung. Und die ist relativ einfach, wenn das Unternehmen börsennotiert ist: Anzahl der Aktien multipliziert mit Aktienkurs.

Wenn allerdings das Unternehmen ein sogenanntes „Start-Up“ ist, dann kommt die Bewertung dadurch zustande, dass irgendwer – ein Investor beispielsweise – bereits ist für X% Y Dollar zu zahlen. Dann hat man auch eine Art Bewertung.

Die Frage ist dann eben immer: ist das zukünftig eine sinnvolle Bewertung? Will sagen, wenn ich heute diese Summe investiere, glaube ich dann, dass ich in einem Jahr, in zwei Jahren, in „einigen“ Jahren mehr heraus bekomme als ich investiert habe?

Und sowohl Herr Palihapitiyah wie auch ich würden wahrscheinlich in den allermeisten Fällen zu dem Ergebnis kommen: nein, das sieht nicht so aus.

Und deswegen kritisiert er, dass es doch viele Wagniskapitalgeber machen. Und sie machen es eben nicht aus tiefster Überzeugung sondern sie tun es, weil sie ihren Job schlecht machen. Zumal es ja wirklich sehr oft so ist, dass der gesunde Menschenverstand einem sagt, dass ein Investment sehr mutig ist.

Ein Beispiel dazu aus dem vergangenen Jahr: Delivery Hero (Lieferheld in Deutschland) hat nach einer Investition von 110 Millionen Dollar nun eine Bewertung von 3,1 Milliarden Dollar. Dabei ist nach meinen Recherchen zwar die Deutschlandsparte profitabel, der Gesamtkonzern jedoch hat damit stark zu kämpfen und ist gerade dabei, viele Unternehmesteile zu restrukturieren oder zu schließen.

Und sind wir mal ehrlich: Ein (zugegebenermaßen sehr gut aufgebauter) Lieferdienst im Web, der Essensbestellungen entgegennimmt. Ja, gut. Ist keine schlechte Idee – deswegen gibt es davon auch noch andere Firmen, die es tun.

Kurz gesagt: es ist nichts Besonderes. Absolut nicht. Wieso also wird das Unternehmen so bewertet?

Und ich glaube, an diesem Beispiel sieht man ganz gut, was Chamath Palihapitiyah (und auch ich) oft kritisieren: es ist schlicht übertrieben.

Durch diese Übertreibungen jedoch werden Erwartungen geweckt; einfach nach der Systematik, dass etwas cool, gut, genial sein muss, wenn ja jemand soviel Geld investiert. Dass diese Leute das eben oft machen, weil sie es nicht besser wissen oder weil sie eben einfach schlecht arbeiten, sieht erstmal keiner.

Denn man unterstellt jemandem, der mit so viel Geld umgeht, dass er schon Ahnung hat.

Und damit beißt sich dann die Katze in den Schwanz. Und die „Start-up-Szene“ feiert sich und die nächsten hoffen, sich die Taschen voll zu machen, äh… etwas vom Kuchen abzubekommen.

Ich frage mich manchmal, ob es in der „Start-up-Szene“ auch so gesehen wird oder ob die sich wirklich so wichtig nehmen, wie sie nicht sind.

Vor einigen Jahren habe ich selbst so etwas erlebt. Ein Kunde von der Firma, die ich zu der Zeit leitete, meldete Insolvenz an und es gab zwei Interessenten, die in die insolvente Firma investieren wollten. Das war durchaus interessant, weil es da einige „Assets“ gab.

Beide Investoren sprachen mit mir, weil ich relativ viel über die insolvente Firma wusste – jedoch keinerlei Finanzdaten, denn die war ja „nur“ Kunde bei uns.

So boten dann beim Insolvenzverwalter die beiden Parteien – einer war der größte Mitbewerber, Europas Marktführer, schon ein Schwergewicht in dem Markt. Der andere Bieter war ein bekannter Finanzinvestor.

Nachdem dann alles abgewickelt war und einer von beiden den Zuschlag bekommen hat – und zwar für nicht wenig Euros, sprach ich mit beiden nochmal. Mehr oder weniger zufällig erfuhr ich dabei, dass keiner der beiden vor seinem Gebot eine finanzielle Detailprüfung durchgeführt hat. Jeder der beiden sagte sich: „Wenn der andere bietet, dann passt das schon, sonst würde er das ja nicht haben wollen.“

Das hinterließ mich sprachlos, und es ließ mich sehr daran zweifeln, dass immer alles professionell ist, wo man es denken sollte bzw. eigentlich zwingend erwarten sollte.

Wenn man das so liest, könnte hier ein falscher Eindruck entstehen. Ich finde Innovationen durchaus sinnvoll und auch Neugründungen von Firmen, die etwas Neues versuchen total klasse. Und natürlich ist es auch sinnvoll, dass solche Unternehmen (finanziell) unterstützt werden.

Aber bei der Bewertung der aktuellen „Start-up-Szene“ stimme ich Chamath Palihapitiyah vollkommen zu. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich sage, nur knapp 10% der Neugründungen sind unterstützenswert.

Dabei sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand, welche Fragen man stellen muss. Und je nachdem, wie die Antworten ausfallen, fällt man dann einfach mehr oder weniger kluge Entscheidungen. Und da gibt es wohl nicht Wenige, die sagen, oft seien es weniger kluge Entscheidungen.

Aber irgendwie schön, dass auch mal jemand aus der „Szene“ selbst das Gesagte feststellt.

Und von mir zum Abschluss noch der Gedanke, dass die „Venture Kapitalisten“ ja auch nur ihr eigenes Geld verbrennen. Bzw. das Geld, was für ein Wagnis hergegeben wurde.

Und damit ist die Welt doch wieder in Ordnung.


 

Ein Gedanke zu “Größtenteils Scheiße…

  1. Silvio

    Moin,

    man könnte ja fast glauben es gibt für jeden „Scheiß“ massig Kohle. Ist aber überhaupt nicht so…

    Was richtig ist, in einer sehr frühen Phase ist eine Unternehmensbewertung total schwierig und teilweise richtet sich die Summe auch einfach nach dem Angebot und Nachfrage. Wenn ein bekannter Start-Up Unternehmer mit intakten „VC Netztwerk“ etwas neues startet (nennen wir es mal Omnichannel Hub Cloud 😉 , dann hat er gute Chancen auf eine Finanzierung und schafft damit auch eine Konkurrenzsituation zw. VC und kann so z.B. 2 Mio € bei einer Bewertung von 8 Mio. Die gleiche Idee von jemanden total unbekannten ohne Netzwerk bekommt (mit Glück) 150 T bei einer Bewertung von 1 Mio.

    So, da 90% der echt guten Dinger von Nonames kommen, haben wir schon das Problem. Ich finde in einer frühen Phase sollte viel mehr „Scheiß“ eine echte Chance bekommen.

    Mit den schnellen Milliarden Bewertung ist das natürlich etwas ganz anderes, da ist man ab einem gewissen Zeitpunkt auch in der Falle der schon investierten Summen. D.h. die VC Welt pusht auch solche „Mrd Einhörner“ weil sonst schlicht ihre Cash-Kalkulation nicht aufgeht. Wenn du 100 Mio. investiert hat, dann sollte die Company schon mehr als 1 Mrd. auf dem Papier „wert“ sein. Damit Du ggü. den VC Fond Geldgebern auch eine Story: „Hey, wir können unseren Einsatz mit Faktor 10 zurückbekommen“. Solange eine gewisse Anzahl von den richtigen Leuten daran glaubt, geht diese Phantasie auch gut. Deswegen ist es manchmal total blöd wenn Umsätze gemacht werden, dann ist ruck zuck diese Phantasie weg und es kann real nachgerechnet werden ;-).

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