Markus Hof

„Lebensmittel sind die neuen Matratzen“

Das sagte ich kürzlich im Rahmen einer kleinen Diskussion im Büro. Und so widersinnig sich dieser Satz auf den ersten Blick liest, so verständlich war er für die Anwesenden.

Was ich damit aussagen will: Der nächste Hype, der durch Start-Ups, Finanzierungsrunden, Gründerszenen, etc. schwappen wird ist der Onlinehandel mit Lebensmitteln. Das Thema wird gerade von den einschlägigen Medien und Akteuren im eCommerce-Umfeld sehr nach vorne gestellt und löst damit den bislang vorherrschenden Matratzen-Hype ab.

Und so heißt es nun nicht mehr „Casper“, „Eve“ oder „Emma“. Nun heißt es „Allyouneed Fresh“, „Amazon Fresh“ oder schlicht „REWE“. Wobei der REWE-Lieferdienst – das kann ich aus eigener Erfahrung sagen – meist wirklich gut ist. Ich hatte nur einmal ein Problem, welches jedoch eher an der mangelnden Einsatzbereitschaft des Mitarbeiters lag und nicht so sehr an REWE selbst.

Ich selbst habe ja bei vielen vergangenen Hypes – zum Beispiel beim Möbel-Hype (Westwing, Home24, etc.) oder beim Schuhe-Hype (Zalando, Mirapodo, etc.) – immer die klare Meinung vertreten, dass das schlicht nichts Neues ist. Und verwies dann gerne darauf, dass der OTTO-Versand sowas schon seit Jahrzehnten versendet. Nur musste man dort früher per Postkarte bestellen, weil das Internet halt noch nicht erfunden war. Aber was Besonderes ist der Distanzhandel damit eben gar nicht. Deswegen sind auch die Hypes irgendwie nicht wirklich etwas Prickelndes. Aber naja, sehen viele vielleicht anders. Schließlich gibt es auch genügend Leute, die das finanzieren.

Nun ist unschwer zu erkennen, dass diese Argumentation von mir bei Lebensmittel-Lieferdiensten nur bedingt passt. Klar, es gibt schon lange Pizzadienste. Aber hier geht es um den Ersatz des Einkaufes im Supermarkt. Und das ist wirklich etwas Neues, etwas Innovatives.

Aus meiner Sicht bedeutet dies auch ein Umdenken in der Logistik. Will man dem Kunden wirklich alle Möglichkeiten anbieten, die er auch im Markt selbst hat, so muss man an die Sache herangehen wie es REWE macht. Dort kann man Kühlthekenware genauso bestellen wie sogar Tiefkühlware. Das bedeutet aber eben auch, dass man nicht aus einigen wenigen Logistikzentren per DHL-Paket versenden kann. Die Logistik wird sich eher regional, wenn nicht sogar lokal aufstellen.

Außerdem glaube ich, dass die persönliche Übergabe der Waren ein wesentlicher Faktor sein wird. Also kommt dazu, dass vernünftige Lieferzeitfenster vereinbart werden müssen. Der Kunde will sich doch gerne die gekauften Äpfel ansehen können – wir alle kennen das Bild der kritischen Obstprüfung aus dem Supermarkt.

Diese beiden Punkte sind zumindest deutlich anders, als man es bislang im eCommerce kennt. Und man muss sagen, dass der Platzhirsch Amazon scheinbar auf so etwas nicht perfekt eingestellt ist. Das ist nachvollziehbar, denn für den „klassischen eCommerce“ ist Amazon perfekt aufgestellt.

Hier sehe ich durchaus einen Vorteil für die großen (offline) Supermärkte.

Die großen Ketten, wie eben REWE oder auch real, ALDI usw., verfügen über die benötigten lokalen Netze. Und zumindest REWE hat auch die weiteren logistischen Investitionen in eigene Lieferfahrzeuge und digitale Lieferzeitplanung getätigt. Das scheinbar auch mit ordentlichem Erfolg, denn den REWE-Lieferdienst gibt es mittlerweile in 75 deutschen Städten.

Amazon Fresh startete gerade mit einem Versuch in Berlin – und will das bei Erfolg auf weitere Städte in Deutschland ausweiten. REWE ist eben schon in vielen davon seit mindestens einem Jahr aktiv. Meine Einschätzung ist dennoch, dass Amazon durchaus in der Lage ist, das Thema weiter zu bearbeiten und sicherlich auch mit der ein oder anderen Innovation weiter nach vorne zu bringen.

Die Frage wird sein, ob es sich auch lohnt oder ob man es besser den Spezialisten überlässt. Zumindest kommt nun Bewegung in das Thema und der Wettbewerb wird deutlich steigen. Also die besten Voraussetzungen für den Verbraucher und für den eCommerce-Beobachter.

Ist der dann auch noch Verbraucher, ist es doppelt gut.


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.