Markus Hof

Multipler Orgasmus!

Kürzlich las ich in einer gedruckten Zeitschrift einen leicht ironisch-sarkastischen Artikel über «die Deutschen und ihre Garantien». Damit waren die Garantien gemeint, die Hersteller von Waren freiwillig geben, um größeres Vertrauen zu dem Produkt herzustellen.

Grundsätzlich sind Garantien, im Gegensatz zum Gewährleistungsanspruch, ein freiwilliges Leistungsversprechen des Herstellers oder Verkäufers. Dieses kann an bestimmte besondere Bedingungen gebunden sein, was beim gesetzlichen Gewährleistungsanspruch natürlich nicht der Fall ist.

In dem erwähnten Bericht ging es darum, dass eine Umfrage ergeben habe, dass Kunden in Deutschland ein besseres Gefühl haben, wenn Ihnen eine Garantie angeboten wird. Sie haben dann ein besseres Gefühl und kaufen Produkte mit längerer Garantie lieber als solche ohne oder mit kürzerer Garantie. Sogar die im Elektronikfachhandel gerne angebotenen Garantieverlängerungen gegen die Zahlung eines Aufpreises sei in Deutschland sehr beliebt. Es scheine also, als sei «der Deutsche» sehr erpicht auf eine gute und lange Garantie.

Eine eher untergeordnete Rolle spiele hierbei der eigentliche Inhalt der Garantie und die jeweiligen Nebenbedingungen. Diese würden oft einfach gar nicht beachtet. Ob und inwiefern dies dazu führt, dass dann im Fall der Fälle Unzufriedenheit herrscht, wurde in dem Bericht bzw. der Umfrage nicht weiter ausgeführt. Es ging mehr darum, den Deutschen einen gewissen Hang zur Garantie – und damit vielleicht ein entsprechendes Sicherheitsdenken – anzudichten, oder netter gesagt, nachzuweisen.

Eine Beobachtung, die ich sehr oft gemacht habe, ist die, dass Kunden gerne Komplettpreise haben. Ich habe das bei einem Schülerjob vor etlichen Jahrzehnten einmal meinem Chef vorgeschlagen. Und wir haben einfach ein Bundle aus drei Produkten geschnürt und den Preis als Komplettpreis bezeichnet. Er war schlicht nichts anderes als die Addition der drei Einzelpreise. Jedoch haben die Kunden sehr gerne und reichhaltig zugegriffen.

Aber auch ich persönlich neige dazu, dass ich Komplettpreise vorziehe. Da muss man eben selbst nicht soviel rechnen und man kann für sich selbst entscheiden, ob das alles, was man bekommt, den Preis hat, den man sich vorstellt. Auch die Werbung teilt scheinbar diese Ansicht, denn die Werbung mit «Komplettpaketen», «Inklusivpreisen», «Alles-drin-Preisen», etc. sieht man ja durchaus häufiger. Umso besser, wenn man dabei sogar wirklich etwas spart, aber zumindest den meisten egal, wenn es nicht so ist. Es wäre mal einen Versuch wert, einen höheren Komplettpreis im Vergleich zu den Einzelpreisen anzubieten. Man soll aber ja nicht übertreiben.

Nun stellt sich der geneigte Leser die Frage, wie passt das bisher Gesagte zur Überschrift? Die einfache Antwort ist: gar nicht. Der Bezug kommt jetzt!

Neulich saß ich während einer Dienstreise im Zug. Im ICE in einem 6er-Abteil; außer mir waren noch zwei junge Herren anwesend, die auch bei der Bahn arbeiteten. Soweit ich hörte, machten sie eine Ausbildung dort. Und sie fuhren nun privat entweder nach Hause oder in einen gemeinsamen Urlaub. Dabei sprachen Sie darüber, wie der eine junge Herr sich kürzlich ein neues Auto kaufte.

Dabei bot der Autoverkäufer dem jungen Mann folgendes an: Er erhalte eine siebenjährige Garantie und außerdem sei diese bereits im Preis enthalten.

Eine solche Aussage muss ja für den durchschnittlichen Deutschen nach den obigen Erkenntnissen mindestens ein multipler Orgasmus sein! Ewig lange Garantie und dann noch als Komplettpreis! Halleluja!

Und um die oben beschriebenen Klischees nun auch wirklich umfassend zu bedienen, hat der junge Mann sich darüber extrem gefreut. Er erzählte von anderen Angeboten und davon, dass niemand anders sieben Jahre Garantie geben konnte oder wollte. Sein Kollege, der scheinbar ein sehr kritischer Zeitgenosse ist, fragte dann einmal nach, was denn genau in diesem Garantieversprechen inkludiert sei.

Und die darauf folgende Antwort machte mich etwas fassungslos, obwohl sie alles bestätigte, was ich hier bislang schrieb: «Ist doch egal. War ja mit dabei.»

Herrlich, wenn die Realität so ist, wie sie ist.


 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.