Markus Hof

Schweigen?

Um ehrlich zu sein, bin ich in Sorge. In Sorge um unser Land. Und das bedeutet, dass ich in Sorge bin um das Erreichte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten.

Ich habe keine Angst davor, dass der äußerst rechte Flügel im Bundestag wieder besetzt ist, nachdem fast 80 Jahre lang keine Extremisten im Parlament waren. Ich habe vielmehr Angst davor, dass Leute, die mehr oder weniger in der Mitte unserer Gesellschaft stehen, ihre Stimmen nicht erheben. Das ist im negativsten Sinne beeindruckend. Ich habe heute ein Video gesehen, das zeigte, wie die NSDAP während einer Sitzung geschlossen den Reichstag verließ – das war 1930. Vor Kurzem tat es die AFD im Bundestag.

1999, als der Bundestag von Bonn nach Berlin umgezogen ist und begann, die Sitzungen im Reichstag abzuhalten, war es eine sehr komische und schwierige Situation, weil der frühere Reichstag – zumindest am Ende – die große Bühne der Nazis war. Bezogen auf die Zeit von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges jedenfalls war der Reichstag kein gutes Pflaster für Demokraten. Daher hatten damals viele Menschen Bedenken, ob der Umzug ein gutes Zeichen ist. Manche waren dann sehr präzise und drückten es so aus: «Der Bundestag tagt nun im früheren Reichstagsgebäude.»

Über die Jahre verschwand diese Wortklauberei, weil Deutschland zeigte, dass es ein offenes Land ist. Offen für andere Kulturen, fremde Menschen und im besten Sinne liberal und tolerant. Mit einem sehr guten und starken Grundgesetz, klugen und aufgeschlossenen Menschen und einem Geiste, ein Teil von Europa zu sein. Nicht die europäische Führungsmacht zu sein (oder gar der Welt) oder irgendetwas anderes in diese Richtung. Mit einer offenen und respektvollen Kultur der Diskussion und Respekt gegenüber jedem, auch, wenn dieser eine andere Meinung vertrat.

Offene Grenzen – zumindest in Europa – sind die herausragendste Errungenschaft des vereinten Europas. Ein Weg, der in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts begann. Dazu war es nötig, dass ein Land mit der historischen Schuld Deutschlands sich Vertrauen erarbeitete bei den Nachbarländern. Das geschah überzeugend und war einer der wesentlichen Schlüssel für das Europa, was wir heute kennen. Und dieses Vertrauen war nicht vom ersten Tag an da, es musste gegenseitig aufgebaut werden, um das europäische Haus zu bauen.

Jetzt leben wir in einer Zeit von «Fake News», einem US-Präsidenten, der seine Strategien oder Veränderungen per Twitter in die Welt posaunt, wir haben eine rechtspopulistische Partei im Bundestag. Ich würde sogar sagen, dass die AFD eine rechtsextreme Partei ist.

Mitglieder der AFD benutzen oft rhetorische Muster extremistischer Sprache. Dazu gehört beispielsweise zu sagen: «Alle Flüchtlinge sind Terroristen und werden Deutschland zerstören.» Nachdem diese Leute dann für diese Aussage kritisiert werden, relativieren sie den Satz und führen aus, was sie «eigentlich» meinten. Kurz gesagt, passen sie den Satz so an, dass er nicht mehr extremistisch ist – nur noch populistisch. Aber der Ursprungssatz steht natürlich im Raum und wird auch weiter diskutiert und verbreitet sich via Zeitungen, Radio, Internet, Fernsehen usw.

Solch eine Strategie wird von Extremisten sehr oft verwendet. Und wir alle sollten aufstehen und ein solches Muster aufdecken, wann immer wir es erkennen und die Extremisten und ihre Strategie demaskieren.

Wir, und damit meine ich die Gesellschaft, sollten zu einer Diskussionskultur zurückkehren, wo nicht derjenige «gewinnt», der am lautesten ist, sondern der mit den besten Argumenten. Und wir sollten uns wieder zuhören, versuchen, den anderen zu verstehen und nicht von vorneherein auf der eigenen Meinung beharren.

Manchmal brauchen Teile der Gesellschaft schlicht einfache Antworten, gerade weil die Fragen sehr kompliziert sind. Und je komplizierter die Fragen sind, umso mehr sehnen sich die Leute nach einfachen Antworten. Wir alle haben die Verantwortung mit Leuten zu sprechen, die zweifeln und die den einfachen extremistischen Antworten zuneigen. Wir müssen sie überzeugen, dass nicht die lautesten und einfachsten Antworten die Lösung sind. Dass nicht sozial Ausgrenzung die Lösung ist – sondern im Gegenteil, die Inklusion. Nicht Abgrenzung ist die Lösung, sondern Freiheit und Offenheit.

Genauso wie wir Flüchtlinge integrieren, haben wir auch die Aufgabe, die Minderheit der Rechtsextremisten (wieder) in die Gesellschaft zu integrieren. Wir sollten und müssen sie wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückbringen. Zumindest so lange wie es eine Minderheit ist, haben wir diese Chance noch.

Das meinte ich, als ich schrieb, dass ich in Sorge bin. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass wir diese Chance haben. Wir sind stark genug, das zu tun! Wir sollten nicht, die «schweigende Mehrheit» sein, wir sollten zur «sprechenden und überzeugenden Mehrheit» werden. Ich bin mir sicher, dass wir immer noch die Mehrheit sind.

Aber nichts zu tun und den Dingen ihren Lauf zu lassen, ohne zu versuchen, die Rechtsextremisten zu verhindern ist meiner Meinung nach viel zu gefährlich.

Sei ein Teil von der Mehrheit, die unser Land darstellt und – ganz besonders – auch Europa und das Europäische Haus.


 

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