Markus Hof

Straßenbahn-Geschichten, Teil 1: Die Borreliose

Ähnlich der beiden, dem ein oder anderen schon bekannten, Rubriken „Buchbesprechung“ und „Randnotiz“ starte ich heute mit einer neuen Rubrik: die Straßenbahn-Geschichten.

Ich fahre fast täglich mit der Straßenbahn und habe festgestellt, dass man dort so Vieles beobachtet, dass es durchaus wert ist, aufgeschrieben zu werden. Heute also sodann „Teil 1: Die Borreliose“.

Kurz vor 9 Uhr steige ich in die Straßenbahn, die mich zur Arbeit bringen soll. Die Schule hat nach Ostern wieder angefangen, was man – aus irgendwelchen Gründen – daran merkt, dass einfach zu jeder Tageszeit mehr in der Straßenbahn los ist. Das ist unlogisch, ist aber so. Ich erkläre es mir damit, dass einfach weniger Urlaub außerhalb der Ferien genommen wird. Dann ist es wieder logisch. Für mich wenigstens – und das reicht mir in diesem Falle.

Aufgrund des Gedrängels lande ich auf einem der Vierersitze. Man schaut also einem auf dem gegenüberliegenden Zweiersitz Sitzenden direkt in die Augen. Leider blieb es dabei heute nicht. Denn heute wurde ich Zeuge eines Telefonates. Ich schätze die Vertraulichkeit des Wortes. Aber ich ignoriere sie, wenn der Sprechende in einer unangemessenen Lautstärke spricht und sich nicht einmal bemüht, auf andere Rücksicht zu nehmen.

Mir schräg gegenüber saß eine Frau, die ich auf ca. Ende 30, Anfang 40 schätze. Für meinen Geschmack zu deutlich geschminkt und gekleidet war sie so, wie es vor zehn Jahren für ihr Alter angemessen gewesen wäre. Und ich weiß seit heute, dass sie eine Freundin hat, die Brigitte heißt.

Brigitte spricht nicht viel, das habe ich heute auch mitbekommen. Denn meine Mitfahrerin hat ca. 85% der Zeit gesprochen. Ein recht einseitiges Telefonat also, aber sie hatte ja auch gerade einen Arztbesuch hinter sich. Mit einer unschönen Diagnose: Borreliose.

Leider verlor sich die Dame auch weniger in Details, die sie Brigitte berichten wollte. Vielmehr in düsteren Vorahnungen, was ihr alles geschehen werde. Zwar habe sie den Arzt nun nicht direkt gefragt, aber sie sei sich ziemlich sicher, dass man nur noch wenig tun könne, um die Hirnhautentzündung zu verhindern. Interessant war die Begründung, warum sie das nicht gefragt hat: „der war so nett, der hätte mir sowieso nicht die Wahrheit gesagt. Der würde mich nicht beunruhigen wollen.“ Ich denke, dieser messerscharfen Logik kann man sich nicht entziehen; genauso wird es sein.

Außerdem sei die besprochene Therapie ein Hinweis darauf, dass der Arzt eine Entzündung der Hirnhaut befürchte, denn „er hat direkt Antibiotikum-Tabletten verschrieben“, und so etwas mache man ja nur, wenn es schlimm stehe. Sie habe dann so getan, als sei ihr das nicht klar gewesen. Aber nun sei ihr klar, dass sie da wirklich echt aufpassen müsse. So etwas sei ja lebensgefährlich.

Ungefähr mit dieser Mischung aus Verschwörungstheorie und einer Attitüde von „ich weiß es eh besser als alle anderen“ ging es für vier bis fünf Haltestellen weiter.

In der Straßenbahn denkt man – besonders in solchen Situationen – nicht in Minuten. Man denkt in Haltestellen. Denn jede Haltestelle ist eine Chance, dass jemand die Bahn verlässt.

Ich wünsche der guten Frau von Herzen alles Gute, vor allem, dass sie sich täuscht, was ihren Arzt angeht. Und soweit ich es von einer Ärztin weiß: Die Gabe eines Antibiotikums ist ein Standardvorgehen. Und die Tablettenform deutet eher auf ein frühes Stadium der Erkrankung hin.

Aber ich frage mich, was sich die Dame so denkt. Ihre Krankheitsgeschichte einfach in der Bahn auszubreiten. Ich schätze mal, dass sie nicht erfreut gewesen wäre, wenn ich sie einfach so angesprochen hätte und sie gefragt hätte, ob sie mir mal ihre Krankenakte zeigt. Die Empörung wäre sicher groß gewesen, weil mich das ja nichts angeht. Mit Sicherheit wäre das die Antwort auf eine solche Frage gewesen.

Aber ich habe es nicht gefragt. Und ich habe die Szenerie einfach schmunzelnd ertragen, denn – und das kann man sicher diesem Beitrag entnehmen – ich fand es ja durchaus erwähnenswert und irgendwie hätte ich es auch nicht als richtig empfunden, der Dame ins Telefonat  zu quatschen.


 

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