Markus Hof

Straßenbahn-Geschichten, Teil 2: Die ungeliebte Dame

Aktuell ist – wahrscheinlich aufgrund der Ferienzeit – am Morgen immer recht wenig in der Bahn los, wenn ich zur Arbeit fahre. Das führt zu zweierlei Begebenheiten. Es ist angenehm, weil genügend Platz ist. Und es ist unangenehm, weil dieses typische Grundgeräusch, das wir alle kennen, wenn sich einige Menschen versammeln, eben nicht mehr die meisten Gespräche übertönt. Man hört vieles einfach mit, auch wenn man es gar nicht möchte.

Heute stiegen zwei junge Damen – ich schätze sie so auf Anfang 20 – in die Straßenbahn ein. Sie setzen sich auf einen Viererplatz, so dass sie sich ansehen konnten und nutzten dabei die jeweils versetzten Sitze. Sie saßen sich also quasi diagonal gegenüber. Das ist natürlich ein Fest, wenn man genau den Sitzplatz dahinter hat und die Damen, der man ins Gesicht sehen kann den Löwenanteil der Unterhaltung bestreitet, die dann folgt.

Heutzutage ist es scheinbar in Mode, enge Jeans zu tragen, die Risse über den Knien haben. Sie sollten schwarz sein. Und kurz. Jedenfalls nicht über die Knöchel gehen. Dazu zieht man dann weißen Sportschuhe an und eine weiße Bluse. Das ganze garniert mit goldenem Schmuck, der im Wortsinne klimpert und natürlich genügend Schminke auftragen. Was hat das zur Folge? Genau, dass man davon ablenkt, dass eigentlich alle Kleidungsstücke so wirken, als wären sie ein bisschen zu klein.

Und es ist wichtig, sich ordentlich mit Parfüm einzustäuben. Ich würde sagen, damit das Gesamtbild passt, wahrscheinlich sehen das die Damen anders. Man macht es wohl schlicht so in deren Kreisen.

Aber gut, jeder wie er mag. Viel witziger war der Inhalt des Gespräches. Eigentlich war es auch gar kein Gespräch, mehr ein Monolog. Jedoch ein Monolog, der es in sich hatte.

Es gab am Abend vorher eine Party, bei der auch ein „ganz geiler Typ, auch wenn der alle anlabert“ zugegen war. Auf diesen Herrn hatte die junge Dame schon länger ein Auge geworfen, zumindest verfolgte sie sein Privatleben mit größerem Interesse. Sie wusste, wann er wohin umgezogen war und mit wem er gerade in einer Partnerschaft war.

Nun ergab es sich bei der Party, dass der besagte Herr etwas tiefer ins Glas geschaut hatte, was dazu führte, dass er den Avancen der jungen Dame aufgeschlossen gegenüber stand. Diese machte sie ihm nämlich zu fortgeschrittener Stunde. Und zwar recht eindeutige.

Sie fand dies auch, so ihre weiteren Ausführungen, nicht weiter schlimm oder bedenklich, denn die Freundin des Objektes ihrer Begierde war nicht anwesend. Und dies war für sie anscheinend ein Kriterium, wann man so etwas macht als Frau oder wann es eben moralisch bedenklich ist.

Nun, wie es so ist. Der Alkohol, die fortgeschrittene Zeit, das anstrengende Leben und auch einfach die Umstände führten dazu, dass „ey, der Sack ist einfach eingepennt als wir angefangen hatten, etwas rumzumachen“, so der Originalton.

Bis hierhin würde ich sagen: schade, aber passiert. So ist das Leben. Aber dann ging der Dialog noch kurz weiter – und ich musste aufpassen, nicht schallend los zu lachen.

Junge Dame: „Also echt. Der liebt mich doch nicht.“

Freundin: „Häh? Liebe? Ich dachte, du wolltest was rummachen. Aber wieso soll der dich lieben?“

Junge Dame: „Ja, das mein ich. Sagst du jetzt auch: keiner liebt mich.“

Puh,… aber fürs Protokoll: Ich habe es geschafft, nicht laut zu lachen und ich denke, niemand hat gesehen, wie ich mir den Bauch gehalten habe.


 

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