Markus Hof

To-go: Fluch oder Segen?

Eventuell fragt sich der geneigte Leser, ob der Autor an dieser Stelle Gedanken darüber verbreiten will, ob die Republik Togo Fluch oder Segen ist. Natürlich nicht. Die Republik lasse ich komplett außen vor. Vielleicht für den Leser, der sich weniger mit afrikanischen Staaten auskennt an dieser Stelle etwas Wikipedia-Wissen: Ehemaliger französische Kolonie, Unabhängigkeit 1960 erlangt, für afrikanische Verhältnisse eher ein Kleinstaat mit ca. Millionen Einwohner und recht kleiner Fläche.

Genug also zur Republik.

Mir geht es heute um die seit einigen Jahren schon vermehrt auftretende Konsumform des „to go“. Laut meinem auf Papier gedrucktem Langenscheidt Wörterbuch Deutsch-Englisch, Englisch-Deutsch bedeutet „to go“ schlicht und einfach „gehen“. Das passt beim Kaffee ja auch ganz gut. Man kauft ihn und geht weiter. Und trinkt ihn dann im Gehen, in der Bahn oder im Büro.

Insofern könnte man also auch sagen, in diesem besonderen Fall bedeutet „to go“ eher so etwas wie „zum Mitnehmen“ – was dann „to take away“ heißen müsste. Aber sind wir ehrlich: was hört sich besser an: „Kaffee to go“ oder Kaffee to take away“? Ich bin da übrigens (ganz überraschend, denn meine Meinung zur Verenglischung der deutschen Sprache dürften bekannt sein) für den Slogan (!!) „Kaffee zum Mitnehmen“.

Und nun nehme ich den Leser mit auf eine wundervolle Gedankenreise. Was wäre, wenn es nicht nur um Kaffee ginge? Sondern auch um Pizza, Hamburger, Mineralwasser, Medikamente oder gar: Autos… Was? Autos? Ja, Autos! Und hier komme ich zu einer Geschichte, die ein Kollege persönlich erlebt hat und davon – ich muss leider sagen, recht resigniert – berichtet hat. Er war so frei, mir zu gestatten, seine Geschichte in Teilen nach zu erzählen.

Der Kollege reist des Öfteren und ist zwar (rein altersmäßig betrachtet) kein sogenannter digital native – aber doch ein extrem interessierter Benutzer neuester Technologien und Trends. Hier bitte ich zu beachten, dass diese plakative Zusammenfassung nur der folgenden Geschichte dienen soll und kein Psychogramm ergeben soll.

Also hat der Kollege sich auch einmal einen Account bei „car2go“ eröffnet. Das ist ein Carsharingdienst der Daimler AG in Zusammenarbeit mit Europcar. Carsharing ist übrigens nicht mit Auto-Teile-Dienst zu übersetzen (um hier auch mal die ganz flachen Wortwitze zu bedienen). Es handelt sich um ein Modell, wo man sich dann ein Auto schnell reservieren kann, wenn man eins benötigt und eine App findet dann (hoffentlich) eins in der Nähe des eigentlichen Standortes. Man fährt dann, zahlt nur für die gefahrene Strecke und lässt das Auto dort wieder stehen, wo man es nicht mehr braucht – soweit, zu gut. Nette Idee.

Schön ist, dass bei car2go sogar das „to“ als „2“ geschrieben wird. Das soll sicherlich verdeutlichen, wie jung und trendig das Unternehmen ist. Ich möchte auf keinen Fall etwas Schlechtes über die Daimler AG sagen (wie sie jetzt heißt), denn das ist eines der deutschen Unternehmen, dass immer noch für Verlässlichkeit steht, keine großen Skandale hatte – und ja auch den Höhenflug mit Chrysler wieder aufgegeben hat. Nebenbei bemerkt: die Daimler-Benz AG (also die Ursprungsgesellschaft) hatte beim Amtsgericht Stuttgart die HRB-Nummer 173. Alleine das spricht schon für eine lange Tradition. Insofern ist es eben auch eine Glaubensfrage, ob man es einem so großen Konzernschlachtschiff zutraut, das zu halten, was der Name verspricht.

Nun aber zurück zum Kollegen. Der arme hatte seine Kreditkarte verloren. Merkt man es schnell genug, so ist das oft kein Problem – das einzige Ärgernis ist, dass man dann die neuen Daten überall bekannt machen muss, wo man die Karte benutzt. Und das kann ja durchaus bei vielen Diensten sein: Amazon, Dropbox, Netflix, Rewe Lieferdienst oder irgendwelche Kundenkonten bei Geschäften, bei denen man regelmäßig bestellt. Und genau vor dieser Herausforderung stand der Kollege – aber seine Berichte klangen gut, sie machten Mut und sie waren angefüllt von positiver Grundstimmung. Die Welt würde also mit neuer Kreditkarte nicht untergehen – jedenfalls weitestgehend nicht.

Seine Berichte klangen so wundervoll: die Bank sperrte die Karte sofort, gerade mal fünf Minuten Aufwand. Bei Netflix musste man sich nur einloggen, die Daten der neuen Karte eingeben – und Schwupps lief wieder alles. Dauerte nicht mal drei Minuten. Und der Filmgenuss war wiederhergestellt. Dropbox ähnlich und so weiter….

Aber es gibt ja auch noch die urdeutschen Konzerne – Schlachtschiffe, gefangen in ihren Prozessen. Wie sinnvoll oder unsinnig sie auch sein mögen. Aber es ist nun mal so, dass ja auch nicht jeder der Angestellten denken soll. Wo käme man denn auch hin, wenn man am Ende 280.000 verschiedene Gedanken hätte – und darunter vielleicht sogar ganz viele sinnvolle? Nein, nein… also da bewegen wir uns auf zu dünnem Eis.

Tja, die Karte des Kollegen bei „car2go“ war auch leicht so ändern. Allerdings hatte „car2go“ am Vortag versucht von der gesperrten Karte abzubuchen. So war also ein Betrag (ich meine es waren so um die 20 Euro) offen. Der Kollege – obwohl Schwabe doch zahlungswillig – gab bereitwillig seine neuen Kreditkartendaten an. Was dem Vernehmen nach in der App von „car2go“ ähnlich einfach war, wie zuvor bei den anderen Diensten auch. Jedoch: es hatte keine Auswirkung. Die neuen Daten waren zwar bekannt, eine neue Buchung war dennoch nicht möglich. Und das, obwohl der Kollege in Hamburg war und gerne zum Flughafen gefahren wäre – mit einem „car2go“, das auch nur 200 Meter entfernt stand. Das Witzige am Rande ist, dass der Kollege sogar noch Freiminuten für Hamburg hatte. Im Grunde wäre für die Fahrt gar nichts berechnet worden. Und somit auch von keiner Karte irgendwas abgebucht worden.

Aber „car2go“ blieb softwaretechnisch sehr standhaft. Nun ist der Kollege ja nicht von gestern; er rief den Kundendienst an. Im Übrigen: „car2go“ scheint Anrufe nicht zu mögen – man musste lange, lange nach der Telefonnummer suchen. Aber ein persönliches Gespräch ist ja sicherlich der schnellste Weg, um solch einen offensichtlichen Sachverhalt zu klären. Schließlich wartet ja das Flugzeug nicht – auch nicht, wenn es ein Airbus ist. Obwohl Daimler da auch Anteile hält.

Die Dame in der Hotline konnte nicht helfen. Und zwar aus einem einfachen Grund, der für jeden nachvollziehbar ist. Ja, sie kann sehen, dass eine neue Kreditkarte hinterlegt wurde – auch, dass diese Karte gültig ist. Aber: der nächste Buchungslauf ist eben erst nächste Woche…

Ich denke, wenn ich diese Worte vernommen hätte, wäre mir der Hörer entglitten, ich hätte die Embryonalhaltung eingenommen und zuerst bitterlich geweint und dann hysterisch gelacht. Das hat der Kollege nicht getan, er hat versucht, mit Logik zu überzeugen. Aber das Thema mit dem selbst Denken bei so vielen Angestellten hatten wir ja schon – die Dame hielt sich daran, es bloß nicht zu tun und auch nicht im Ansatz zu versuchen.

Somit war es dann wirklich: „Auto zum Gehen“. Und ich denke, „car2go“ soll genau das bedeuten. Man geht öfter mal zu Fuß statt in einem Auto zu sitzen. Der Kollege nahm dann übrigens die U-Bahn, war pünktlich am Flughafen, der Airbus startete und kam ohne Zwischenfall ans Ziel. Doof halt, dass der Kollege dann ein Taxi nehmen musste. „car2go“ wollte er nicht mehr probieren. Wäre j auch zwecklos gewesen.

Ich habe mir bei meinem Samstagseinkauf überlegt, wie es wäre, wenn der Supermarkt (in diesem Fall der real-Markt) immer dienstags eine extra Kasse aufmacht, an der man per Karte zahlen kann, weil ja dienstags immer der wöchentliche Zahllauf ist. Ah, halt, Moment, … irgendwie nehmen die jeden Tag Kreditkarte. Wie kriegen die das bloß hin? Deren IT-Systeme müssen schieres Teufelswerk sein.

Und noch eine letzte Anmerkung: wir schreiben das Jahr 2016. Einen dicken Glückwunsch an „car2go“ zur Erhaltung historischer Prozesse! Irgendwann wird sowas mal in einem Museum ausgestellt, wie auch immer das aussehen wird.


 

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