Markus Hof

Verrückte Welt

Als ich geboren wurde – Mitte der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts –  war die Welt fernab vom Zustand, das man hätte sagen können, es sei alles in Ordnung. Es war bei weitem eine skurrile Welt: es gab RAF-Terror in Deutschland, es gab kein Internet und der „Kalte Krieg“ näherte sich einem Höhepunkt.

Natürlich habe ich von dem Ganzen als kleiner Knirps nichts mitbekommen. Ich wuchs auf, mir ging es gut. Der Kindergarten kam, die Grundschule usw. So gegen Mitte/Ende der 80er-Jahre begann ich langsam, mich für aktuelle Ereignisse zu interessieren. So war 1987 die erste Bundestagswahl, die ich bewusst mitverfolgt habe und die für mich den Beginn meines „politischen“ Lebens markierte.

Um ehrlich zu sein, entwickelte ich mich dann über die Zeit zu einem Junkie – gottseidank nur zu einem Nachrichtenjunkie. Je älter ich wurde, desto mehr interessierte mich das aktuelle Geschehen. Natürlich kam hinzu, dass auch die Technik immer besser wurde und das Internet natürlich in dieser Hinsicht ein echtes Geschenk war. Es gab also kaum eine politische, sportliche oder gesellschaftliche Entwicklung, die ich nicht mitbekommen hätte – und zumindest in der Rückschau – gut einordnen konnte.

Und letztlich gab es überwiegend positive Entwicklungen. Die Mauer fiel und damit ging letztlich auch einher, dass der „Kalte Krieg“ beendet wurde. Es gab sogar eine Zeit, da hätte ich mich nicht gewundert, wenn auch Russland der NATO beigetreten wäre. Naja gut, gewundert hätte ich mich doch etwas; das wäre eine Ecke zu krass gewesen. Und auch die RAF beschloss ihre Auflösung, was sie auch noch ordentlich per Brief bekannt gegeben hat.

Tja, das waren noch Zeiten. Ich hatte das Gefühl, dass die Entwicklung in eine gute Richtung geht. In eine Richtung, die das friedliche Zusammenleben für die nächsten vielen Jahre garantiert. Zumindest in Europa. Keine Spannungen mit Russland, kein Terror, die Iren haben sich vertragen und sogar in Spanien die ETA wurde ruhig. Klar, es gab dann sowas wie den Kosovo-Konflikt und sogar den ersten Einsatz der Bundeswehr in einem Angriffskrieg (unter dem NATO-Deckmantel). Aber auch dies beruhigte sich – irgendwie und irgendwann, und ich möchte das gar nicht werten sondern wirklich nur beschreiben – und man gab sich der Illusion hin, es sei wirklich alles gut auf unserem Kontinent.

Dann gab es ein paar Erweiterungen der EU und sogar ehemalige Staaten der UdSSR wurden EU-Mitglied und haben mittlerweile den Euro als Zahlungsmittel. Auch die NATO erweiterte sich; auch hier gab es mit der Aufnahme von Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes eine Wendung, die nur wenige für möglich gehalten hätten.

Natürlich gab es in dieser Zeit des wirklich wundersamen Wandels auch Terroranschläge. Aber die waren in Afrika oder im Nahen Osten in Krisengebieten. Also weit weg. Man nahm sie zur Kenntnis und ging schnell wieder zur Tagesordnung über. Anfang der 2000er-Jahre kam der Terror auch in die USA. Und man wusste an jenem 11. September 2001 intuitiv, dass sich nun etwas verändern würde. Es war jedem Beobachter im Grunde vollkommen klar, dass sich gerade die Welt verändert hatte. Nur: wie genau, das wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Aber es hatte sich etwas verändert, wann auch immer uns das bewusst wurde, wie auch immer die Auswirkungen sich zeigen und zeigten.

Und nun sitze ich in einer Welt, wo sich wieder viel in eine Richtung verändert, die in die beschriebene frühere Zeit geht. Der Terror ändert sich, es ist nun Al-Quaida oder IS statt der ETA, RAF oder wem auch immer. Russland fühlt sich bedroht und zeigt das auch entsprechend. Und die Angriffsziele des Terrors ändern sich – mittlerweile ist schlicht und einfach jeder Mensch potentiell bedroht, an jedem Ort der Welt. Das ist alles nicht gut.

Politisch gesehen fehlt mir – gerade innenpolitisch – auch einiges. Im Grunde genommen haben wir seit 2005 eine „Große Koalition“. Selbst die vier Jahre, in denen die FDP in der Regierung mitmachen durfte, achtete die SPD sehr genau darauf, dass sie nicht allzuviel „falsch“ – sprich anders als die CDU –  machte, denn sie wollte ja bald wieder Juniorpartner der CDU werden.

Letztlich gibt es aktuell keine klaren Lager mehr, es gibt keinen Diskurs mehr über wichtige Themen und wesentliche – auch gesellschaftliche – Veränderungen plätschern so vor sich hin. Besprochen und ernsthaft kontrovers diskutiert werden Themen kaum noch. Ein paar Ausnahmen gibt es, aber die sind ja wirklich an einer Hand abzuzählen. Und bei diesen wenigen Themen gibt es dann manchmal sogar noch den Versuch, andere Meinungen in bestimmte „böse“ Ecken zu schieben. Ich denke hier an das „Aber-Verbot“ von Frau Hayali oder die sehr schnelle Verurteilung von vielen Menschen als rechtsextrem, nur weil sie die rein linke Meinung zur AfD nicht teilen und etwas differenzierter diskutieren möchten. Sowas ist eben auch schade und ich kann verstehen, wenn dann einige Leute einfach keine Lust mehr haben und sich zurück ziehen und in ihrer jeweiligen Denke (die ja nun wirklich nicht gut ist, finde ich) verharren, weil sie bei solch krassen und brüsken „Kulturen“ der Diskussion einfach keine Lust mehr haben.

Und dies ist erstmal nur eine Beobachtung. Eine Beobachtung, die jemand aus dem Inneren des Landes macht – und dabei weiß, dass es eines der wenigen Länder ist, denen es gut geht; gut geht in nahezu jeder Hinsicht. Und das ist bemerkenswert, finde ich. Denn es kann zwei Dinge bedeuten. Zum einen kann das bedeuten, dass es trotz des fehlenden Diskurses so ist und zum anderen kann es bedeuten, dass es wegen des fehlenden Diskurses so ist. Oder – das wäre Variante drei – es hat gar nichts miteinander zu tun.

Vielleicht denkt man mal drüber nach. Wer auch immer „man“ ist.


Ein Gedanke zu “Verrückte Welt

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